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Wenn die Medizin am Ende ist – 20 Jahre Tiroler Hospiz-Gemeinschaft

„Wir im Hospiz müssen auch aushalten können, auf Fragen keine Antwort zu haben.“ Elisabeth Medicus

Wir leben in einer Zeit, in der die Erwartung herrscht, dass die Medizin alles kann. Wie schwer fällt es anzunehmen, wenn man nichts mehr machen kann.

Diese Situation erlebt Elisabeth Medicus oft. Seit 12 Jahren ist sie die ärztliche Leiterin der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft. In den letzten Jahrzehnten hat sich in der Medizin viel getan. Schmerzen und viele andere körperliche Leiden wie Atemnot oder Übelkeit können gut behandelt oder gelindert werden.

Zeit zum Sterben

„Dennoch sind wir im Hospiz oft in der Situation das auszusprechen, was niemand hören möchte. Nämlich, dass wir nichts mehr machen können, die Krankheit aufzuhalten. Wir müssen dann aussprechen: dass es Zeit zum Sterben ist“, meint Elisabeth Medicus nachdenklich.

„Wir im Hospiz haben neben einer guten medizinischen Begleitung die Aufgabe, die eigene Ohnmacht anzunehmen. Sie nicht zu leugnen. Wir müssen auch aushalten können, auf Fragen keine Antwort zu haben.“

Raum für Schweigen

In schöner Erinnerung ist ihr ein Gespräch mit einem Patient auf der Hospiz- und Palliativstation über seine Schmerztherapie. „Während ich vor seinem Bett gestanden bin, ist ein Raum entstanden, in dem er und ich nichts gesagt haben, ein Raum des Schweigens. Nach einer längeren Zeit sagte er dann einfach nur: ‚Sterben – Sterben‘. Auf meine Frage was er damit meint, antwortete er mir: ‚Ich glaube, es wäre jetzt gut sterben zu können‘“. Erst in diesem Raum des Schweigens, im Aushalten, keine Antwort zu haben, konnte dieser Mann seine eigenen Gefühle ausdrücken.

So ist die Hospizbewegung für Elisabeth Medicus auch ein Gegenentwurf zum herrschenden Zeitgeist. Denn das Sterben ist für sie in den allermeisten Fällen weder schön noch schrecklich. „Es entzieht sich der Planbarkeit und auch der Beherrschbarkeit. Und es darf auch offen und unfertig bleiben.“

Das Sterben den Menschen zurückgeben – 20 Jahre Hospiz und Palliative Care in Tirol

"Das Sterben ist in den allermeisten Fällen weder schön noch schrecklich." Elisabeth Medicus (li) im Gespräch mit Elisabeth Draxl (re).

Dr. Elisabeth Medicus (Ärztliche Leiterin der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft) und Elisabeth Draxl (Pfl egedienstleitung der THG) arbeiten seit den Anfangsjahren für die Hospiz-Gemeinschaft. Im Gespräch erzählen sie über die Veränderungen ihrer Arbeit in den letzten 20 Jahren.

Wie hat sich eure Arbeit in der Pflege und auf medizinischer Seite in den letzten 20 Jahren verändert?

Elisabeth Draxl:

„Im Mobilen Team wird für mich die Veränderung unserer Arbeit am deutlichsten. Ich erinnere mich noch gut an unsere ersten mobilen Betreuungen. Damals waren wir mehr auf uns selbst gestellt und machten viel selber. Heute gibt es ein viel breiteres Netz von unterstützenden Institutionen (Sprengel, Hausärzte, Mobile Pflegedienste …), die sehr gute Arbeit machen. Gemeinsam mit ihnen können wir eine bestmögliche, individuelle Betreuung organisieren. Für mich ist das eine sehr positive Entwicklung, denn damit sind wir unserem Ziel, den Hospizgedanken im Gesundheitswesen breit zu verankern, einen großen Schritt näher gekommen.

Elisabeth Medicus:

„Das Wissen um die letzte Lebensphase hat in der Medizin deutlich zugenommen. Wir wissen heute sehr genau, wie wir zum Beispiel eine akute Atemnot rasch und nachhaltig lindern können. Aber die wesentlichen Fragen in meiner Arbeit sind: Wann hören wir auf? Warum verzichte ich bei einer 85-jährigen Frau mit fortgeschrittenem Darmkrebs und einer Demenz auf weitere Maßnahmen, wenn sie einen Darmverschluss hat? Hier können wir heute viel besser argumentieren als früher. Dabei hilft uns insbesondere die vorausschauende Planung am Lebensende, die gemeinsam mit der Betroffenen und den Angehörigen bereits vor einer akuten Krise die Grundlinie der Behandlung festlegt. Im konkreten Fall konnten wir uns in Absprache mit der Familie auf die Behandlung von Übelkeit und Erbrechen und auf die Schmerzbehandlung konzentrieren und der Frau noch ein paar gute Tage ermöglichen“.

Viele Menschen haben die Hoffnung auf ein schönes Sterben im Hospiz. Ist diese Erwartung erfüllbar?

Elisabeth Medicus:

„Nein, das Sterben ist in den allermeisten Fällen weder schön noch schrecklich. Es entzieht sich der Planbarkeit und auch der Beherrschbarkeit. Wir im Hospiz unterstützen Menschen in einer schweren Zeit. Wir können physische und psychische Schmerzen lindern, trotzdem bleibt vieles offen und unfertig.“

Lernen, erfahren, diskutieren – Bildungsprogramm 2012/13 erschienen

Das Bildungsprogramm der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft für das Bildungsjahr 2012/13 ist Anfang September erschienen.

Wir freuen uns, wenn Sie sich für unsere Veranstaltungen interessieren und senden Ihnen auf Anfrage gerne die Broschüre Bildungsprogramm zu:

Tel.: 0512-7270-38
E-Mail: office@hospiz-tirol.at

Alle aktuellen Bildungsangebote finden Sie hier!

Hier können Sie das Bildungsprogramm als PDF downloaden!

„Eine breite Auswahl an lehrreichen, interessanten und nützlichen Fortbildungen“

Sonja Prieth und Susanne Jäger sind für die Bildungsangebote der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft verantwortlich.

Das Bildungsreferat der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft veranstaltet laufend Seminare, Vorträge und Tagungen für verschiedene Zielgruppen. DGKS Alfreda Sturm, seit 1. April 2011 Koordinatorin des Palliativteams Außerfern, hat schon zahlreiche Veranstaltungen besucht. Im Interview mit Susanne Jäger und Sonja Prieth erzählt sie, warum sie das Bildungsangebot der THG schätzt.

Sie nehmen laufend an Seminaren und Vorträgen der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft teil, obwohl Sie bereits sehr viel über Palliative Care wissen. Was motiviert Sie, immer wieder Weiterbildungen zu besuchen?

Die Aufgaben in der Palliativbetreuung sind sehr komplex und vielfältig, daher braucht man umfassendes Wissen, pflegerisch-fachliche Kompetenz und Handlungs- und Reflexionsfähigkeit. Das Bildungsprogramm der THG bietet mir eine breite Auswahl an lehrreichen, interessanten und nützlichen Fortbildungen, Seminaren und Vorträgen. Es hilft mir, dem Anspruch an meine verantwortungsvolle Tätigkeit gerecht zu werden.

Die Weiterbildungen, die von der THG angeboten werden, sind teils nur für Fachleute, teils für ein gemischtes Publikum aus Fachleuten und Laien. Wie erleben Sie diese beiden Settings?

PalliativpatientInnen sollten umfassend und vor allem multiprofessionell betreut, gepflegt und begleitet werden, daher sind beide Settings unterstützend. Bei den „gemischten“ Settings erlebe ich immer wieder einen offenen Austausch, welcher mich in meinem ganzheitlichen Ansatz stärkt. Zudem profitiere ich von den Perspektiven der verschiedenen Berufsgruppen, und dies ermöglicht mir, ein besseres Verständnis für die Bedeutung von Palliative Care als Teamleistung zu entwickeln.

Wie erleben Sie die Stimmung in den Weiterbildungen der THG? Findet hier ein kollegialer Austausch statt?

Die Atmosphäre ist stets von Freundlichkeit und Wertschätzung geprägt. Alle TeilnehmerInnen können ihre eigenen Erfahrungen einbringen. Anhand von aktuellen Fallbeispielen und Übungsangeboten fördern die ReferentInnen den Lernprozess und auch dessen Nachhaltigkeit.

Was schätzen Sie in einer Weiterbildung am meisten?

Besonders schätze ich, dass wir Teilnehmenden als Fachleute betrachtet und miteinbezogen werden. Sehr positiv finde ich auch die Möglichkeit der „Bildung nach Maß“: Damit können die Einrichtungen Seminare vor Ort anbieten, und den MitarbeiterInnen bleibt unter Umständen eine längere Anreise nach Innsbruck erspart.

Grenzen sehen und achten – Das Spannungsfeld von Autonomie und Fürsorge aus ethisch rechtlicher Sicht

Helmut Schwamberger widmete sich in senem Vortrag der ethischen Dimension fürsorglichen Handelns.

„Wichtig ist, die Grenzen der Fürsorgepflicht zu sehen und auch zu achten. Unbestritten ist, dass gerade beim Menschen am Ende seines Lebens sowohl die Wahrnehmung von Autonomie als auch die entsprechende Fürsorge eine schwierige Sache sind und nur nach der jeweiligen Situation beurteilt und gehandelt werden kann. Das Recht auf autonome Entscheidung kann allerdings auch die bestgemeinte Fürsorge begrenzen. Fürsorge bedeutet nicht, das gut Gemeinte unbedingt umzusetzen, sie gewährt vielmehr Freiheit und Rücksichtnahme auf Individualität, allenfalls auch um den Preis von Verletzungen, Unbill und Vorwürfe von außen.

Eine partnerschaftliche Fürsorge wird dem Patienten gerecht, aber auch demjenigen, dem die Fürsorge anvertraut ist. Im Sterben noch selbstbestimmt zu agieren ist ein schwieriges Unterfangen. Denn nur wenige haben in dieser Situation noch die Fähigkeit zur aktuellen Selbstbestimmung. Und im Sterben geht es immer um das Loslassen, das Sich-Überlassen und Sich-Anvertrauen. Fürsorge muss so die Umstände des Patienten berücksichtigen und seinen Willen erfassen, um ihm wirklich helfen zu können. Es geht dabei nicht nur allein um den Organismus, sondern um den Menschen in seiner Gesamtheit.“

Dr. Helmut Schwamberger bei seinem Vortrag zum Thema „Das Spannungsfeld von Autonomie und Fürsorge aus ethisch-rechtlicher Sich“ beim Tiroler Palliativtag 2012.

Hier können Sie den gesamten Vortrag von Dr. Helmut Schwamberger als PDF downloaden!

Webbtipp – Tellerrandmedizin.org

Ein Blog für alle, die über ihren (schul)medizinischen Tellerrand blicken wollen

Wie werde ich ein guter (menschlicher) Therapeut?

Der Tellerrand-Blog soll bei der Beantwortung dieser Frage mit Tipps über Veranstaltungen, Links, Bücher und verschiedenem mehr helfen. Er wendet sich an Menschen in Gesundheitsberufen, die über ihren (schul)medizinischen Tellerrand blicken wollen, aber auch an Patienten, Angehörige oder einfach nur Interessierte.
Tellerrandmedizin bedeutet Herzensmedizin – eine menschliche und ganzheitliche Einstellung zur Medizin, die von Herzen kommt. Den Patient nicht als Träger einer Krankheit zu betrachten, sondern als Mensch in den Mittelpunkt zu stellen.

www.tellerrandmedizin.org

25 Fachkräfte in Palliative Care ausgebildet

Feierlicher Abschluss des Interprofessionellen Universitätslehrgangs Palliative Care

Die Tiroler Hospiz-Gemeinschaft sieht ihren Auftrag nicht nur darin, Menschen am Lebensende bestmöglich zu betreuen, sondern auch, das spezifische Fachwissen über Palliative Care weiterzugeben. Mit unserer Bildungsarbeit wollen wir dazu beizutragen, dass schwer kranke und sterbende Menschen in ganz Tirol – in Heimen, Krankenhäusern oder zu Hause – fachlich qualifizierte Palliativbetreuung erhalten. Ein wichtiger Baustein dafür ist der Interprofessionelle Universitätslehrgang Palliative Care, den Anfang März 25 TeilnehmerInnen (18 Diplompflegekräfte,  zwei PsychologInnen, drei ÄrztInnen, eine Seelsorgerin und eine Psychotherapeutin) abgeschlossen haben.

Dieser Lehrgang wurde von der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft in Kooperation mit iff Wien/Palliative Care und OrganisationsEthik veranstaltet. Er umfasst 160 Unterrichtseinheiten und 40 Stunden Praktikum in einer spezialisierten Einrichtung, außerdem haben alle Teilnehmenden eine Projektarbeit zu einem Thema aus Palliative Care erstellt.

Lehrgangsleiter Prof. Andreas Heller (iff Wien) hielt bei der Zertifikatsübergabe einen Abschlussvortrag

Die AbsolventInnen haben durch diese umfangreiche Ausbildung ihre Kompetenz in der Betreuung von Menschen am Lebensende erweitert und außerdem die Berechtigung erworben, in spezialisierten Palliative Care Institutionen zu arbeiten. Durch die Anerkennung des Lehrgangs bei der Landessanitätsdirektion können die 18 Diplomierten Pflegepersonen aus der Gruppe nun außerdem die Zusatzbezeichnung „Palliativpflege“ führen, die teilnehmenden Ärzte und Ärztinnen erhalten das ÖÄK-Zusatzdiplom Palliativmedizin.

Die AbsolventInnen schätzten in dem Lehrgang besonders den Austausch zwischen den Berufsgruppen.

Der Lehrgang ist für alle Beteiligten äußerst positiv verlaufen. Durch die interprofessionelle Zusammensetzung der Kursgruppe war es möglich, neue Einblicke und Erkenntnisse zu gewinnen. Kompetente Vortragende aus dem In- und Ausland brachten wertvolles Wissen in die Gruppe ein und verstanden es auch, die Erfahrungen der einzelnen TeilnehmerInnen in den Lernprozess einzubinden. Es freut uns besonders, dass diese 25 AbsolventInnen nun auch Teil eines wachsenden Palliative Care Netzwerkes in Tirol sind. Wir haben bereits mit den Vorbereitungen für den nächsten Lehrgang begonnen, der im Frühjahr 2013 starten und in der bewährten Weise abgewickelt werden soll.

InteressentInnen können sich jetzt schon vormerken lassen (office@hospiz-tirol.at) und bekommen dann im Herbst 2012 die Informations- und Bewerbungsunterlagen zugeschickt.

Freie Plätze bei Palliative Care Ausbildungen – Stufe 2

Bei den Palliative Care Lehrgängen des Dachverbandes Hospiz Österreich – Stufe 2 sind für Kurzentschlossene noch Plätze frei:

  • Palliativmedizin – Stufe 2
  • Pallitivpflege – Stufe 2
  • Psychosozial-spirituelle Palliative Care – Stufe 2

Weitere Infos hier: http://www.hospiz.at/PMU/uni_1.html

Das Lebensende des hochbetagten Menschen – 6. Tiroler Palliativtag

Der 6. Tiroler Palliativtag am 9. April 2011 widmete sich dem Thema "Das Lebensende des hochbetagten Menschen - Palliative Care in der Geriatrie". Dr. Elisabeth Medicus (Ärztliche Leiterin der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft) wies in ihrer Begrüßungsrede darauf hin, dass durch den Fortschritt der Medizin immer mehr Menschen hochbetagt sind, wenn sie sterben. Sie beschrieb diese Entwicklung als neue und komplexe Herausforderung für die Palliative Care und die Hospizbewegung.

Dr. Heinz Rüegger referierte in seinem Eröffnungsvortrag zum Thema "Der alte Mensch zwischen Würdeanspruch und latenter Entwürdigung". Unsere Gesellschaft hat mit dem Alter(n) ein Problem, darum versuchen viele, das Altwerden zu umgehen, zu verdrängen oder zu kaschieren. Die zentrale Herausforderung besteht darin, die auch im Alter grundsätzlich intakte, unverlierbare Würde anzuerkennen und zu respektieren durch die Art, wie wir vom Alter reden und mit alten Menschen umgehen. Die kritische Auseinandersetzung mit negativen Altersstereotypen ist für eine Gesellschaft des langen Lebens eine zentrale ethische Herausforderung.

Univ.-Prof. Dr. Monika Lechleitner (Ärztliche Direktion Landeskrankenhaus Hochzirl) sprach zum Thema "Die Würde des alten Menschen im medizinischen Alltag". 20% der Patienten einer internistischen Notfallaufnahme sind über 80 Jahre alt. Bis zu 40% der Krankenhaustage sind durch über 80-jähige bedingt. In ihrem Vortrag betonte sie die Ethik als zentralen Punkt in der Geriatrie. Die Autonomie des/der PatientIn soll weitestmöglich erhalten bleiben auch bei zunehmender Einschränkung funktioneller und kognitiver Fähigkeiten.

Martin Geiler (Referatsleiter für Statistik und Berichtswesen im Stadtmagistrat Innsbruck) sprach über den demografischen Wandel und seinen Folgen: Seit den 1970er Jahren sind in den westlichen Industriestaaten demografische Prozesse im Gange, die zu einschneidenden Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur geführt haben. Die Gesamtfertilitätsrate (Kinder pro Frau zwischen 15 und 45 Jahren) liegt bereits vier Jahrzehnte unter dem bestandserhaltenden Niveau von 2,1 Kinder pro Frau. 2009 wurde für Österreich der extrem niedrige Wert von 1,39 errechnet. Zugleich steigt die Lebenserwartung beständig an. So wird sich die Zahl der über 80-Järigen wegen des Aufrückens der geburtenstarken Jahrgänge bis 2050 verdreifachen und jene der über 95-jährigen Personen wird bis 2026 von 11 auf 45 Tausend wachsen. Gleichzeitig wird der Anteil der Menschen mittleren Alters, die Pflege leisten und Pflegekosten erwirtschaften, abnehmen.

Insbesondere der Vortrag zum demografischen Wandel in unserer Gesellschaft löste im Anschluss an die ersten drei Vorträge eine emotionale und angeregte Debatte aus.

Dr. Sabine Pleschberger (IFF Universität Klagenfurt) sprach über "Hospizidee und Palliative Care auf dem Weg in die Geriatrie". Die Hilflosigkeit einer ganzen Gesellschaft im Umgang mit den Grenzen der modernen Medizin, aufgezeigt an Menschen mit einer Krebserkrankung, war in den 1960er Jahren Auslöser für die Entwicklung der Hospizidee. Erst in den letzten zehn Jahren trat die Gruppe der älteren Menschen in den Fokus von Palliative Care. Die Chancen aber auch die Grenzen der Palliative Care in der Geriatrie standen im Zentrum ihres Vortrags.

Dr. Markus Gosch (Oberarzt, Landeskrankenhaus Zirl) widmete sein Referat der Frage "Therapiebegrenzung: (k)ein Thema in der Geiatrie?". Entscheidungen am Lebensende stehen im Spannungsfeld aus ethischen, medizinischen und rechtlichen Aspekten. Die zentrale Frage bleibt immer: Wer entscheidet hier was mit welchem Recht?

Die Akteure bei der Betreuung eines sterbenden Menschen und ihr Beziehungsgeflecht. Im Zentrum aller Überlegungen steht immer der Patientenwille: "Niemand besitzt die Befugnis einen unwiderruflich Sterbenden gegen dessen Willen am Leben zu erhalten."

Prim. Dr. Josef Marksteiner (Psychiatrisches Krankenhaus Hall) widmete sich dem Thema "Psychopharmakologische Betreuung". Medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapien können hochbetagten Menschen helfen, schwere psychische Krisen zu überwinden bzw. erleichtern. Die neuen Medikamente sind auch für den älteren Menschen, aufgrund der niedrigen Rate an Nebenwirkungen, gute Therapieoptionen.

Dr. Elisabeth Reitinger (IFF Universität Klagenfurt) referierte über die "Geschlechtersensible Pflege alter Frauen und Männer bis zuletzt". Auch im hohen Alter ist es für eine gute Betreuung notwendig, die unterschiedlichen Geschlechterrollen und -muster wahrzunehmen und zu reflektieren.

In ihrem Abschlussvortrag sprach Dr. Elisabeth Medicus über das Thema "Vorausschauende Planung". Das Lebensende alter Menschen ist oft gekennzeichnet durch eine krisenhafte Situation mit belastenden und bedrohlichen körperlichen Symptomen. Die Krise am Lebensende erfordert ein Vorgehen, das es dem schwer kranken Menschen ermöglicht, in der gewohnten Umgebung zu bleiben, und das die Betreuenden befähigt, die "Not" wirkungsvoll zu lindern.

Hier können Sie die Folien zum Vortrag von Sabine Pleschberger als PDF downloaden!

Übelkeit und Erbrechen bei fortgeschrittener Erkrankung

Dr. Gustl Zabernigg: „Ursachen müssen genau geklärt werden.“

Ursachen und Linderung aus medizinischer und pflegerischer Sicht

„Übelkeit und Erbrechen sind relativ häufige Folgeerscheinungen unterschiedlichster Erkrankungen“, erklärte Dr. Gustl Zabernigg in seinem Vortrag beim Palliativforum am 14. Oktober 2010. Der Oberarzt an der Abteilung für Innere Medizin und Leiter der onkologischen Ambulanz am Krankenhaus Kufstein ist häufig mit dem ANE-Syndrom konfrontiert, das ist eine Kombination von Appetitlosigkeit (Anorexia), Übelkeit (Nausea) und Erbrechen (Emesis). Allerdings können diese Symptome auch getrennt voneinander auftreten. Übelkeit ist eine unangenehme Empfindung, die oft dem Erbrechen vorausgeht und von Brechreiz begleitet sein kann. „Diese körperlichen Erscheinungen beeinträchtigen die Lebensqualität der PatientInnen erheblich“, berichtete Zabernigg.

Komplexe Ursachen – vielfältige Folgen

Die PatientInnen seien verzweifelt und häufig würden diese Symptome auch zu Isolation aufgrund von Scham führen. Außerdem können Übelkeit und Erbrechen weitere, teils schwerwiegende Folgen mit sich bringen, wie z.B. Schmerzen (Bauch-, Kopf- und Halsschmerzen), Mundgeruch, Flüssigkeitsverlust, Elektrolytstörungen, Speichelfluss u.a. Wichtig sei zunächst eine genaue Klärung der Ursachen, die im interdisziplinären Team und im Austausch mit dem Patienten bzw. der Patientin angestrebt werden soll, um der betroffenen Person die bestmögliche Therapie zukommen lassen zu können. Nicht zu unterschätzen seien einige Faktoren, die sich ungünstig auf die Symptome auswirken können, wie Angst, Depression, Schmerzen, Appetitlosigkeit. „Die Therapie von chronischem Erbrechen und Übelkeit ist prinzipiell gut möglich, in Einzelfällen jedoch bleibt die Behandlung unbefriedigend“, erklärte Gustl Zabernigg. „Bedenken sollte man auch, dass gerade die Einnahme von bestimmten Medikamenten unangenehme Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen mit sich bringen kann.“

DGKP Piet Wolters: „Auch Angehörige brauchen Unterstützung.“

Ein vernachlässigtes Thema

DGKP Piet Wolters, Mitarbeiter der Palliativstation der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft, stellte zu Beginn seines Referates fest, dass über die pflegerische Betreuung von PatientInnen, die unter Übelkeit und Erbrechen leiden, in der Fachliteratur vergleichsweise wenig zu finden ist. Diese „stiefmütterliche“ Behandlung  des Themas erstaunt umso mehr, wenn man die oben beschriebene Häufigkeit und den „Akutcharakter“ dieses Leidens bei palliativen PatientInnen bedenkt.

Neben zahlreichen pflegerischen Möglichkeiten sei das Einbinden und Informieren der Angehörigen im Rahmen einer guten palliativen Versorgung unumgänglich und gerade bei diesem Symptom notwendig, erklärte Piet Wolters: „Angehörige leiden stark unter dem Symptom Erbrechen. Vor allem, wenn PatientInnen aufgrund der damit einhergehenden Appetitlosigkeit die Nahrungsaufnahme ablehnen, ist das für Angehörige sehr belastend.“

Dem Leiden sensibel begegnen

„Übelkeit ist, ähnlich wie Schmerz, ein subjektives Empfinden und somit von außen nicht objektiv beurteilbar. Dementsprechend ist es oft schwierig, eine geeignete Therapieform zu finden. Erbrechen ist hingegen pflegerisch gut zu verifizieren, was das Finden einer angebrachte Strategie zur Symptomlinderung erleichtert,“  erklärte Wolters und wies darauf hin, dass das Pflegepersonal weitere unterstützende Maßnahmen setzen kann.

In der pflegerischen Versorgung einer Person, die unter diesen Symptomen leidet, gehe es neben der Symptomlinderung auch darum, die Intimsphäre zu wahren. Es sei wichtig, sensibel zu werden, wann Unterstützung benötigt wird und wann eine Person lieber allein im Raum sein möchte. „Das Schaffen einer ruhigen und angenehmen Atmosphäre, das Anbieten einer entsprechenden Mundpflege und die Beseitigung von unangenehmen Gerüchen wird von den PatientInnen meist gerne angenommen,“ erzählte der Pfleger aus seiner Erfahrung. Sehr bedeutsam sei außerdem die Verabreichungsform der Medikamente, die Linderung bringen sollen. So seien z.B. Personen, die unter Übelkeit und Erbrechen leiden, oft nicht dazu bereit, Medikamente oral einzunehmen. In Absprache mit dem Arzt bzw. der Ärztin müsse daher versucht werden, eine angemessene und realistische Verabreichungsform zu finden.

DGKP Piet Wolters & DGKS Sylvia Jöbstl

Alle Termine des Palliativforums 2010/11 finden Sie hier!