Schlagwort-Archiv: Schmerz

Den ganzen Schmerz sehen

Der übervolle Saal im Pflegeheim Imst

Als der Andrang interessierter Menschen kurz vor Vortragsbeginn nicht weniger wurde und Dr.Gabl und ich Schweißausbrüche bekamen, da wir nicht mehr wussten, wo die vielen Menschen unterbringen, wurde uns klar, wie sehr dieses Thema Betroffene und ihre Angehörigen bewegt. Vor allem die Schmerzspirale und das Konzept des Total Pain lösten Nachdenklichkeit und Betroffenheit aus, berührende Gespräche unmittelbar nach dem Vortrag und in den Tagen danach zeigten die Brisanz dieser Themen auf. Ärzte, Pflegepersonal, Angehörige….sind in den Regionen sehr gefordert, den Menschen als Ganzes im Auge zu behalten, nicht nur den Schmerz in der Magengegend wahrzunehmen sondern auch seine Schmerzen, die entstehen, weil er seine Kollegen am Arbeitsplatz vermisst, weil er Angst um die Zukunft seiner Familie hat, weil er einfach nicht fassen kann, wie Gott so etwas zulassen kann……

Diesen Ängsten zu begegnen, diese wahrzunehmen und gemeinsam nach Antworten zu suchen ist ein gewichtiger Teil einer gelingenden Schmerztherapie.

Annelies Egger (Regionalbeauftragte Oberland) über den Vortrag „Die Schmerzspirale durchbrechen“ am 9. November 2012 in Imst

Praxisorientiert und vielfältig: Die Bildungsarbeit der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft

Susanne Jäger

Alle Menschen, die es brauchen, sollen in ganz Tirol am Lebensende gute Hospiz- und Palliativbetreuung bekommen. Dafür braucht es einerseits spezialisierte Dienste und Einrichtungen, andererseits gut qualifiziertes Personal in allen Institutionen, wo schwer kranke und sterbende Menschen betreut werden. Das Bildungsreferat der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft trägt seit vielen Jahren durch entsprechende Weiterbildungsangebote dazu bei.

Weiterbildung und Vernetzung

Unsere Bildungsarbeit hängt sehr eng mit den anderen Arbeitsbereichen der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft zusammen, vor allem mit dem Wirken der Regionalbeauftragten in verschiedenen Regionen Tirols, die wesentlich zur Sensibilisierung und Vernetzung beitragen. So wurde zum Beispiel im Jahr 2010 von einigen Fachleuten im Raum Schwaz der Wunsch nach einer Weiterbildung, die gleichzeitig die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen fördert, geäußert. Wir haben daraufhin einen praxisorientierten, 40-stündigen Lehrgang veranstaltet, der sehr gut angekommen ist und nun weitere Kreise zieht: Der positive Effekt spricht sich herum, weitere Institutionen, die ihre MitarbeiterInnen schulen wollen, melden sich bei uns. „Bildung nach Maß“ nennen wir diese Angebote, die wir jeweils mit den AuftraggeberInnen gemeinsam entwickeln.

Sonja Prieth

Jährliche Fixpunkte

Daneben veranstalten wir laufend Vorträge und Seminare, die in unserem Bildungsprogramm für verschiedene Zielgruppen ausgeschrieben werden. Exemplarisch seien hier die monatliche Vortragsreihe „Palliativforum“ und der jährlich stattfindende „Tiroler Palliativtag“ erwähnt, zwei Veranstaltungen, die für viele Fachleute in Tirol bereits zu Fixpunkten geworden sind.

Das Bildungsreferat ist auch für die Aus- und Weiterbildung der ehrenamtlichen HospizbegleiterInnen verantwortlich, die in ganz Tirol HüterInnen und MultiplikatorInnen der Hospizidee sind. Sie zu qualifizieren und in ihrer Tätigkeit zu unterstützen ist unser ständiger Auftrag.

Palliative Care hat Zukunft

Im vergangenen Jahr haben wir außerdem mit der Konzeption und Planung für den „Interprofessionellen Universitätslehrgang Palliative Care“ begonnen, der im Mai 2011 zum ersten Mal startet. Die Tatsache, dass sich wesentlich mehr Menschen angemeldet haben, als wir Plätze zu vergeben haben, zeigt uns deutlich, dass der Bedarf an spezialisierter Weiterbildung in der Hospiz- und Palliativarbeit in Tirol groß ist.

Susanne Jäger, Sonja Prieth
Bildungsreferentinnen Tiroler Hospiz-Gemeinschaft

Gedanken – Alles hat seine Zeit

Sprich nicht ...

Sprich nicht von der Schönheit der Natur, wenn ein Schwerkranker,
innerlich und äußerlich gefesselt durch Einschränkungen und Schmerzen,
hilfesuchend nach deiner Hand tastet.

Sag nicht am offenen Grab: „Es ist besser so“, denn alle, die einen geliebten Menschen
verlieren, sind erst auf dem Weg zu dieser tröstenden Erkenntnis.

Berichte einem pflegebedürftigen Menschen, der in der Enge seiner Situation und
Wohnung auf deinen Besuch gewartet hat, nicht endlos von deinen frohen und schönen Erlebnissen.
Sie füllen die Zeit, aber nicht sein Herz.

Argumentiere nicht mit „Gottes Gerechtigkeit“,
wenn ein Verzweifelter immer wieder
„warum“ in die Nacht eines Schicksalsschlages schreit.
Bleib einfach schweigend an seiner Seite und erbete stellvertretend für ihn Zuversicht.

Verbreite bei dem, dessen Leben sich unaufhaltsam der Schwelle des Todes nähert,
keine Hoffnungen auf Gesundwerden.
Sie hindern den Sterbenden und die, die ihn lieben, daran,
Ja-Sagen zu lernen und
Abschied zu nehmen.

Gudrun Born

Nachlese: Seminare leiten – Didaktik von Palliative Care

Damit möglichst viele Menschen vom Wissen und der Erfahrung, die wir in der Begleitung und Behandlung von schwerkranken Menschen sammeln, profitieren können, legt die Tiroler Hospiz-Gemeinschaft großen Wert auf die Schulung ihrer ReferentInnen. Diese sind wichtige Botschafter und Multiplikatorinnen und vermitteln in vielfältigen Veranstaltungen, Vorträgen, Seminaren ihre Kompetenzen an KollegInnen aller Berufssparten.

Am 20.1.2011 trafen sich 17 Personen, darunter Ärzte, ÄrztInnen, Pflegende, eine Sozialarbeiterin sowie eine Psychotherapeutin, die alle auch als ReferentInnen ihre Fähigkeiten und ihr Wissen zur Verfügung stellen. Es war ein reger Austausch mit dem Ziel, (neue) Methoden zur Vermittlung von Fachwissen kennenzulernen und zu optimieren. Das Schwerpunkthema des Tages war "Schmerzen". Schmerzen gehören zu den gefürchtetsten und gleichzeitig häufigsten Symptomen schwer kranker und sterbender Menschen.

In der Trauer nicht allein gelassen – Dank Ihrer Hilfe!

„In der Trauer sind wir gefordert, alle schmerzlichen Gefühle zuzulassen“, sagt Psychotherapeut und Theologe Gehard Waibel.

Im Büro in der Heiliggeiststraße läutet das Telefon. Die Freundin einer Frau, deren Ehemann vor kurzem verstorben ist, ruft an. Sie erzählt von den Nöten der Freundin und ihren eigenen Grenzen. Wie kann sie ihr helfen?

Nicht mit leeren Händen

„Es ist beruhigend für mich, dass ich bei akuten Trauersituationen auf unsere Trauergruppe oder die Trauereinzelgespräche hinweisen kann“, erzählt Beate Lottersberger, langjährige Mitarbeiterin der Hospiz-Gemeinschaft:

„Trauergruppen finden dreimal jährlich statt. Außerdem können drei kostenlose Gespräche mit einem Psychotherapeuten vereinbart werden. Diese Angebote werden sehr gerne angenommen.“ Die Trauergruppen und die Einzelgespräche werden durch Spenden finanziert.

Alle schmerzlichen Gefühle zulassen

„In der Trauer sind wir gefordert, alle schmerzlichen Gefühle zuzulassen“, sagt Psychotherapeut und Theologe Gehard Waibel. Er begleitet seit vielen Jahren Menschen in der Trauer. Freunde und Angehörige glauben oft, dass die Erinnerung an einen geliebten, aber verlorenen Menschen für die Trauernden zu schmerzlich ist. „Das Gegenteil ist aber der Fall“, meint Waibel: „Die meisten haben ein großes Bedürfnis, sich an den geliebten Menschen erinnern zu dürfen und darüber sprechen zu können. Nur so kann der verlorene Mensch zu einem inneren Begleiter werden.“

Ihre Spende schenkt Zuversicht!

Menschen in akuten Trauersituationen, die sie allein nicht bewältigen können, brauchen professionelle Unterstützung. Mit Ihrer Spende von zum Beispiel 15 EUR schenken Sie Zeit und Zuversicht! Vielen Dank!

Weitere Informationen zu unserer Arbeit finden Sie hier auf unser Homepage: www.hospiz-tirol.at!

Jetzt online Spenden!

Durch Weiterbildung eine breite Basis schaffen

Susanne Jäger

Die Bildungsarbeit der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft

Für das Bildungsreferat der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft war das Jahr 2009 ein Jahr des Aufbruchs. Zusätzlich zu Susanne Jäger, die bisher allein für die Bildungsarbeit verantwortlich war, wurde im Februar 2009 eine zweite Bildungsreferentin, Sonja Prieth, mit 30 Wochenstunden angestellt. Der Grund dafür war die Entscheidung des Vereinsvorstandes, diesen Arbeitsbereich in Zukunft weiter auszubauen.

Menschen sterben überall

Warum diese Schwerpunktsetzung? Die Betreuung von schwer kranken und sterbenden Menschen ist eine Aufgabe, die niemals nur von spezialisierten Palliativdiensten und Hospizen übernommen werden kann. Menschen sterben überall – in Altenwohnheimen ebenso wie zu Hause oder in Krankenhäusern. Um Menschen in der letzten Lebensphase bestmöglich betreuen zu können, brauchen Pflegende, MedizinerInnen und TherapeutInnen spezielles Fachwissen. Je besser sie in Palliative Care (aus)gebildet sind, umso sicherer und professioneller agieren sie in ihrer täglichen Arbeit. Die Schulung all dieser Berufsgruppen ist daher ein sehr wichtiges Mittel um ein Sterben in Würde für möglichst viele Menschen zu ermöglichen – und das ist das Ziel der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft.

Sonja Prieth

Großes Interesse an Bildungsveranstaltungen

Beim Palliativtag 2009 besuchten rund 200 Personen aus ganz Tirol Vorträge und Workshops zum Thema „Leiden lindern“. Aus Rückmeldungen wissen wir, dass sie hungrig sind nach mehr Information und nach fachlichem Austausch – und dass sie nach so einem Tag mit viel Motivation in ihre Arbeitsstellen zurückkehren. Im Raum Schwaz haben wir 2009 einen „Praxislehrgang Palliative Care“ veranstaltet und 20 Personen den Rahmen für intensives Lernen geboten, mit sehr großem Erfolg. Diese zwei Beispiele – eine Großveranstaltung und ein intensiver Lehrgang für eine kleinere Gruppe – stehen exemplarisch für die Vielfalt unserer Bildungsangebote. Jede Person, die sich in palliativer Betreuung weiterbildet, fügt ein Mosaiksteinchen zu dem großen Werk hinzu, an dem die Hospizbewegung weltweit arbeitet.

Susanne Jäger, Sonja Prieth Bildungsarbeit

Lebensqualität in der Palliative Care

Lebensqualität ist ein zentraler konzeptueller Begriff im Verständnis von Palliative Care.

Visite bei einem 81jährigen Patienten mit fortgeschrittenem Blasenkarzinom, er ist sehr geschwächt und bettlägerig:

Ich stelle mich vor, als Hospizärztin, und er antwortet: „Das freut mich. Wie geht es Ihnen?“ „Danke, mir geht es gut!“ sage ich und frage zurück: „Und Ihnen, wie geht es Ihnen?“ „Bestens!“ sagt der alte Mann lächelnd, ohne auch nur einen Augenblick nachzudenken. „Was ist es denn, das es Ihnen ermöglicht zu sagen, es gehe Ihnen bestens?“,  frage ich. Und er, wieder ohne zu zögern: „Die Liebe meiner Frau.“

Lebensqualität als zentraler Begriff

Lebensqualität ist ein zentraler konzeptueller Begriff im Verständnis von Palliative Care.

Sowohl in der Definition der WHO über Palliative Care von 1990[1] als auch in der Definition von 2002[2] kommt der Begriff der Lebensqualität vor.

Zahlreiche Forschungsarbeiten der vergangenen Jahre haben sich mit der Lebensqualität in schwerer Krankheit und am Lebensende befasst und folgende Fragen gestellt. Was ist Lebensqualität und was bestimmt die Qualität des Lebens am Lebensende und im Sterben? Wie können wir Lebensqualität erfassen? Welche Bedeutung hat das Konzept der Lebensqualität für die klinische Praxis und die Betreuung am Lebensende?

In der vorliegenden Arbeit werden wesentliche Aspekte von Lebensqualität in schwerer Krankheit und am Lebensende sowie Forschungsergebnisse zusammengefasst.

Lesen Sie hier den vollständigen Artikel von Dr. Elisabeth Medicus  als PDF!


[1] Palliative Care ist die aktive und umfassende Betreuung und Behandlung für Patienten, deren Erkrankung auf kurative Behandlungsmaßnahmen nicht mehr anspricht. Im Vordergrund der Bemühungen der Palliative Care stehen die Kontrolle von Schmerzen und anderen Symptomen sowie von psychischen, sozialen und spirituellen Problemen. Das Ziel der Palliative Care ist die Erreichung der bestmöglichen Lebensqualität für die Patienten und ihre Familien. Zitiert nach Steffen-Bürgi Barbara, Reflexionen zu ausgewählten Definitionen in der Palliative Care, in Knipping Cornelia, (Hrsg.), Lehrbuch Palliative Care, Bern 2006, S. 31.

[2] Palliative Care ist ein Ansatz, mit dem die Lebensqualität der Patienten und ihrer Familien verbessert werden soll, wenn sie mit einer lebensbedrohlichen Krankheit und den damit verbundenen Problemen konfrontiert sind. Dies soll durch Vorsorge und Linderung von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen und untadelige Erfassung und Behandlung von Schmerzen und anderen physischen, psychosozialen und spirituellen Problemen erfolgen. Zitiert nach Steffen-Bürgi 2006, S. 31.

Der Schmerz der Seele

„Wissen Sie, es tut sehr weh, und es tut mit alleine weh, “ meint eine 60-jährige Frau.

„Wissen Sie, es tut sehr weh, und es tut mit alleine weh, “ meint eine 60-jährige Frau.

In der Betreuung von schwer kranken Menschen können wir erfahren, dass durch das Wissen über Palliative Care viele belastende Symptome gelindert oder gar beseitigt werden können.

Dennoch müssen wir erleben, dass wir dem leidenden Menschen sein Schicksal nicht abnehmen, ihn nicht davon erlösen können. Was bleibt ist der Schmerz der Seele, genährt durch unzählige Verluste, Abschiede und Kränkungen. Dieser Schmerz ist oft namenlos und macht uns sprachlos.

„Wissen Sie, es tut sehr weh, und es tut mit alleine weh, “ meint eine 60-jährige Frau.

Da ist Angst vor der Zukunft, vor Abhängigkeit. Da ist die Furcht, nicht genug Mut und Kraft zum Sterben zu haben, es nicht aushalten zu können. Und da ist mitunter viel Trauer um Verlorengegangenes, von Wertvollem, das in Zukunft nicht mehr möglich sein wird. Da kann der Glaube an den eigenen Wert verloren gehen, da ist die Scham, dass andere die eigenen Unzulänglichkeiten und Schwächen sehen.

Unweigerlich taucht die Frage nach dem Sinn des Lebens auf, die Auflehnung gegen das Schicksal, das Eingeständnis von Schuld oder die bittere Erkenntnis, das Leben nicht gelebt zu haben.

Und doch kann dieses Leiden auch als eine große Leistung gesehen werden, das auch Wachstum beherbergt und uns ermutigt, unser eigenes Schicksal zu durchleben und zu durchleiden.

„Wir erleben unsere Mama so wie sie wirklich ist, was sie eigentlich ausmacht. Und das, was wir sehen, ist unendlich kostbar und schön“, erzählt eine Tochter.

In der Begleitung können wir uns solidarisieren im Nicht-Wissen und Nicht-Verstehen des Sinn des Leidens, des Wozu. Wir können Raum für Klagen und Auflehnung ermöglichen, den Menschen ernst nehmen, damit er sich nicht allein fühlt in seinem Leid. Wir können dem Schlimmsten im Leiden, der Verzweiflung, entgegentreten und solidarisch dagegen ankämpfen.

Elisabeth Draxl, Pflegedienstleiterin Tiroler Hospiz-Gemeinschaft und Existenzanalytikerin i.A.