Ein paar neugeborene Fische

Die fünfjährige Lisa hat soeben das Zimmer ihrer kranken Oma verlassen. Zielstrebig läuft sie zum hell beleuchteten Aquarium unserer Hospiz-Palliativstation. Sie presst ihre Nase an die Scheibe. Sie schaut, staunt, schweigt, und das minutenlang. Ganz fasziniert ist sie von den vielen kleinen oder größeren Fischen – davon, wie flink sie dahinschwimmen, wie erfinderisch sie sich verstecken in der grünen Pflanzenwelt. Das Aquarium unserer Station zieht nicht nur die kleine Lisa in seinen Bann. Patient*innen, An- und Zugehörige, Mitarbeitende und Besuchende lädt es ein, für einen Moment stehen zu bleiben, einfach zu schauen.

Manchmal denke ich mir: „Wenn unser Aquarium erzählen könnte von seinem reichen Innenleben und von all den Begegnungen, die sich rundherum ereignen, …“ Mir fällt Wolfgang Schmid ein. Über 15 Jahre betreute er ehrenamtlich das Aquarium, zuerst an der einstigen Hospiz-Palliativstation in Innsbruck und seit 2018 im Hospizhaus Hall. Wolfgang machte diesen Dienst mit viel Freude. Am 16. September vergangenen Jahres ist er gestorben. Sein Dienst war im wahrsten Sinn des Wortes „nicht für die Fisch“, sondern ein Dienst am Leben. Die vielfältige Fisch- und Pflanzenwelt, das gleichmäßige Schwimmen und Fließen – so ein Aquarium gerade an einer Hospiz-Palliativstation zeugt von Leben und Lebendigkeit.

Wer selbst ein Aquarium hat, weiß, wie viel Arbeit dahintersteckt. Mehrere Stunden dauern wöchentlich die „Fischarbeiten“ wie das Entfernen der Algen und die Reinigung der Fenster. Zugleich gilt es, darauf zu achten, dass die Sauerstofffilter in Ordnung sind, die richtigen Fischpaare zusammen sind, sich vertragen und vermehren. Wenn Wolfgang seine wöchentlichen Arbeiten verrichtete, gesellten sich immer wieder Patient*innen, Angehörige, Mitarbeitende zu ihm. Sie beobachteten ihn, unterhielten sich mit ihm. Ausgehend von dieser kleinen lebendigen Fisch- und Pflanzenwelt besprachen Wolfgang und seine Gesprächspartner*innen viele wichtige Fragen des Lebens.

Tief in Erinnerung geblieben ist mir eine Begebenheit wenige Monate vor Wolfgangs eigenem Tod. Die Mutter eines 15-Jährigen war auf der Station gestorben. Der junge Mann hatte sich für seinen Schmerz, für seine Trauer, für sein Weitergehen nicht viel, aber etwas Einzigartiges gewünscht: ein paar neugeborene Fische aus unserem Aquarium für sein Aquarium zu Hause. Ich telefonierte damals mit Wolfgang und erzählte ihm vom Wunsch dieses jungen Mannes. Die beiden trafen sich nach einigen Tagen. Wolfgang übergab dem 15-Jährigen ein paar neugeborene Fische. Für mich liegt in dieser schlichten Geste ein starkes Zeichen der Hoffnung. Ist der Tod letztlich nicht eine Geburt in ein neues Leben? Ist er nicht Übergang in ein Leben bei Gott, bei dem alles endet und vollendet wird? Danke, Wolfgang, für deinen Dienst am Leben. Möge dein und unser aller Leben einmal noch viel schöner werden als das Leben in der von dir so liebevoll gepflegten „Fischaquariumwelt“.

Die kleine Lisa übrigens, von der eingangs die Rede war, lief nach ihrem Ausflug in die bunte Fisch- und Pflanzenwelt um einiges entspannter und mit einem kleinen Lächeln ins Zimmer ihrer kranken Oma zurück.

Christian Sint, Seelsorger

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